wissenschaftlicher Klimabeirat der Hessischen Landesregierung

Fernstraßenausbau in Hessen führt zu erheblich mehr Emissionen als bisher angenommen

Der Verkehrssektor ist mit 37 Prozent der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Hessen. Eine aktuelle Studie der TU Dresden im Auftrag des Wissenschaftlichen Klimabeirats Hessen zeigt nun: Der geplante Aus- und Neubau von Fernstraßen führt zu deutlich höheren CO₂-Emissionen als bislang angenommen und erschwert die Erreichung der Klimaziele. Der Klimabeirat gibt Empfehlungen.

Laut Hessischem Klimagesetz muss das Land bis 2030 seine Treibhausgasemissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 senken und bis 2045 klimaneutral werden. Bislang wurden im Verkehrssektor jedoch nur 16 Prozent eingespart (Stand 2023). Der Handlungsdruck ist entsprechend groß. 

Die Studie der TU Dresden analysiert die Klimawirkungen hessischer Projekte des Bundesverkehrswegeplans 2030 (BVWP) und zeigt: Der Ausbau von Straßen führt zu mehr CO₂-Ausstoß als bisher angenommen. Bundesweit würde die Umsetzung aller BVWP-Projekte bis zu 6,3 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen jährlich zusätzlich verursachen – rund vier Prozent der gesamten Emissionen des Verkehrssektors in Deutschland. Damit sind die eigentlich angestrebten Minderungen schwerer zu erreichen und die Anstrengungen zur Emissionsreduktion müssen nochmals erhöht werden.

Die bisherigen Berechnungen des BVWP unterschätzen die Emissionen teils um das Dreifache, weil der sogenannte „induzierte Verkehr“ – also zusätzlicher Verkehr, der durch neue oder erweiterte Straßen entsteht – bislang nur unzureichend berücksichtigt wird.

Deutliche Auswirkungen auf hessische Klimaziele

Für Hessen ergibt sich daraus: Der Bau der hessischen Projekte würde jährlich insgesamt bis zu 0,66 Millionen Tonnen CO2-Emissionen zusätzlich im Verkehrssektor verursachen und weitere 0,08 Millionen Tonnen im Bausektor. Dies entspricht fünf Prozent der gesamten Verkehrsemissionen des Landes. „Schon jetzt verfehlt der Verkehrssektor in Hessen seine Ziele. Der weitere Ausbau würde die Erreichung der Klimaziele somit weiter erschweren“, sagt Prof. Martin Lanzendorf, Professor für Mobilitätsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des Wissenschaftlichen Klimabeirates.

Vor allem zehn Großprojekte verursachen drei Viertel der zusätzlichen Emissionen. Spitzenreiter ist der geplante Ausbau der A5 vom Hattenbacher Dreieck bis zur Landesgrenze Baden-Württemberg, einschließlich der Erweiterung zwischen dem Westkreuz Frankfurt und dem Frankfurter Kreuz. 

„Gerade in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main werden Ausbauprojekte zu besonders hohen Emissionen führen und zugleich die Städte noch weiter an ihre Belastungsgrenze bringen. Denn in den Städten sind die Straßen nicht auf zusätzlichen Kfz-Verkehr ausgerichtet und können auch nicht erweitert werden, weil der Platz für Wohnraum oder Grünflächen dringend gebraucht wird“, so Prof. Lanzendorf.

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Klimabeirats 

Auf Basis der Studie spricht der Wissenschaftliche Klimabeirat vier zentrale Empfehlungen an die Landesregierung aus:

  1. Nachfragemanagement als effiziente Alternative zum Aus- und Neubau: Um das Wachstum der Verkehrsnachfrage zu dämpfen, sollte das Land Hessen selbst Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung und Verlagerung umsetzen bzw. fördern (z. B. Ausbau des Nahverkehrsangebots, Parkraummanagement) und entsprechende Maßnahmen in der Kompetenz des Bundes unterstützen (z. B. Straßennutzungsgebühren). Hierdurch können bestehende Infrastrukturen effizienter genutzt werden. Das Land sollte sich für eine sozial gerechte Gestaltung der Maßnahmen einsetzen.
  2. Prüfung von Alternativen für konkrete Fernstraßenprojekte in Ballungsräumen: Für Infrastrukturprojekte sollten Alternativen sorgfältig identifiziert und überprüft werden. Insbesondere bei Projekten in Ballungsräumen sind integrierte Verkehrskonzepte mit Einbezug des Öffentlichen Verkehrs und des Radverkehrs zu empfehlen.
  3. Infrastrukturbedingte THG-Emissionen bilanzieren und eine klimafreundliche Dimensionierung,
    Materialauswahl und Bauart priorisieren: Um die Treibhausgasemissionen durch Bau, Betrieb und Unterhalt der Straßen zu minimieren, sollten die entsprechenden Emissionen in der Planungsphase frühzeitig bilanziert und in die Planungen einbezogen werden. Dies ist auch für die Planung von Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen zu empfehlen. Das Land kann dies durch die Bereitstellung eines Bilanzierungstools unterstützen.
  4. Unterstützung einer künftigen Bundesverkehrswege- und Bundesmobilitätsplanung: Eine zukünftige integrierte Bundesverkehrswege- und Bundesmobilitätsplanung sollte auch
    Alternativen abseits des Aus- und Neubaus von Straßen (z.B. Ausbau Nahverkehr, Stärkung intermodale Knoten, Mobilitätsmanagement) systematisch in die Planung, Bewertung und Finanzierung einbeziehen. Das Land Hessen sollte sich aktiv an der Entwicklung entsprechender Verfahren und Methoden beteiligen.

„Insgesamt zeigt die Studie auf, dass sich der Fokus bei der Verkehrspolitik verschieben muss weg vom Ausbau der Straßeninfrastruktur und hin zu einer nachfrageorientierten und integrierten Mobilitätsplanung, die besonders öffentliche Verkehrsmittel, Fahrradfahren und Zufußgehen fördert. Nur so können die Emissionen im Verkehrssektor reduziert und die Klimaziele erreicht werden“, erklärte Prof. Lanzendorf.

Über den Klimabeirat:
Der Wissenschaftliche Klimabeirat hat die Aufgabe, die Landesregierung unabhängig zu Klimaschutz und Klimaanpassung zu beraten. Grundlage ist das Hessische Klimagesetz. Fünf Professorinnen und Professoren sind für fünf Jahre berufen und ehrenamtlich tätig: 
• Apl. Prof. Dr. Ulrike Jordan (Universität Kassel, Solar- und Anlagentechnik)
• Prof. Dr. Martin Lanzendorf (Goethe-Universität Frankfurt, Mobilitätsforschung)
• Prof. Dr. Sven Linow (Hochschule Darmstadt, Wärmelehre und Umwelttechnik)
• Prof. Dr. Flurina Schneider (wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) sowie Goethe-Universität Frankfurt, Soziale Ökologie und Transdisziplinarität)
• Prof. Dr.-Ing. Iris Steinberg (Hochschule Darmstadt, Kreislaufwirtschaft)

Kontakt

Die Geschäftsstelle des Wissenschaftlichen Klimabeirates der Hessischen Landesregierung leitet Ihre Anfragen an die Mitglieder des Klimabeirates weiter.

Geschäftsstelle Klimabeirat Hessen

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